Agrarpolitik und Landreform in Südafrika –
eine kurze Chronologie

 

"Die gegenwärtige ungleiche Verteilung von Macht und Privilegien in Südafrika hat sich durch die historische Enteignung der Mehrheit der Bevölkerung herausgebildet, welche diese von der rechtmäßigen Nutzung der Ressourcen des Landes ausschloss. Die Folge zeigt sich in Millionen von schwarzen Menschen, die verarmt und ohne Mittel zum Überleben sind. Viele von ihnen in den ländlichen Gebieten sehen in Landbesitz und Landnutzung eine Chance zu überleben und sich selbstbestimmt zu ernähren". ("Land is Life", S. 32, TCOE, Kapstadt 2004)

 

Besiedelungen des Gebietes um das heutige Südafrika reichen bis zu 3 Millionen Jahre zurück.

 

1652 Als die ostindische Handelskompanie eine Station am Kap anlegte, um dort frisches Wasser, Fleisch und Gemüse für die Reise nach Asien laden zu können, fanden sie keineswegs leeres Land vor. Auch als holländische Siedler (Buren) im Protest gegen britische Herrschaft und die Abschaffung der Sklaverei zum großen Treck ins Landesinnere aufbrachen, stießen sie auf die verschiedensten afrikanischen Stämme.

 

1811 Mit der Übernahme der Kapkolonie durch die Briten begann ein Jahrhundert der militärischen Unterwerfung afrikanischer Staaten, der Zerstörung afrikanischer Institutionen sowie ihrer Verdrängung von ihrem Weideland und der Beschlagnahmung ihres Viehs.

 

1834 Abschaffung der Sklaverei durch Großbritannien mit dem Ziel, afrikanische Bauern, die in Kriegen ihr Land verloren hatten, zu abhängigen Arbeitskräften für Siedler zu machen.

 

1841 Einführung der Masters and Servants Ordinance. Sie ahndete jeden Bruch eines Arbeitsverhältnisses seitens afrikanischer Arbeitskräfte, z.B. durch unerlaubtes Verlassen der Farm eines Weißen, mit Gefängnis- und Körperstrafen. Die Arbeitgeber hingegen wurden auch bei der Anwendung von Gewalt gegenüber ihren Angestellten nur selten zur Verantwortung gezogen. Das Gesetz stellte umfangreiche Repressionsmittel gegen sich wehrende Arbeitskräfte bereit und blieb deshalb bis 1974 in Kraft. AfrikanerInnen erhielten im Konfliktfall keine Gleichheit vor dem Gesetz.

 

1836 Großer Treck der Buren ins Landesinnere, um der britischen Herrschaft zu entkommen; er brachte neue Kriege mit Volksgruppen wie Zulu, Sotho oder Matabele.

 

1856-1857 Das große Sterben von 30.000 Xhosa aufgrund einer Hungersnot, welche durch das Abschlachten des eigenen Viehs und das Verbrennen ihrer Ernte angesichts der Bedrohung durch die europäischen Siedler ausgelöst wurde.

 

1867 Entdeckung von Diamanten bei Kimberley.

 

1871 Britische Annexion der Diamantenfelder. Zum Abbau der wertvollen Vorkommen wurden hauptsächlich schwarze Arbeitskräfte systematisch ausgebeutet.

 

1870-1913 Die Entstehung neuer Industriestädte wie Kimberley und Johannesburg veranlasste tausende afrikanischer Arbeitskräfte, ihre Ersparnisse in Farmland zu investieren, das sie von weißen Besitzern oder Missionaren pachteten. Als Produzenten für die städtischen Märkte waren viele afrikanische Bauern erfolgreicher und wurden zu einer ernsten Konkurrenz für die weißen Farmer. Die Gewinne blieben jedoch gering, denn das Vermarktungsmonopol war fest in weißer Hand.

 

1884 Goldvorkommen bei Barberton (im Transvaal) wurden entdeckt.

 

1886 Beginn der Goldproduktion. Gründung von Johannesburg, das in zehn Jahren auf 100.000 Einwohner anwuchs.

 

1894 Premier Cecil Rhodes führt den Glen Grey Act ein. Das Gesetz gab wenigen Afrikanern auf dem Land im Besitz der Krone individuelle Landtitel, während alle, die keine Titel erwerben konnten, LandarbeiterInnen auf weißen Farmen werden mussten. Da afrikanischen Bauern nicht mehr als fünf Morgen Land kultivieren durften und ihre Pacht beständig erhöht wurde, gaben viele ihre unabhängigen Betriebe schließlich auf und wurden zu abhängigen Arbeitern, um nicht von der Farm vertrieben zu werden. Das viktorianische Ziel der Assimilation von AfrikanerInnen wurde seit dieser Zeit zu Gunsten einer Politik der Trennung von Schwarzen und Weißen durch Schaffung von Reservaten für die afrikanische Bevölkerung aufgegeben.

 

1898 Die Rinderpest vernichtete 85 bis 90 % des von AfrikanerInnen gezüchteten Viehs. Verwaltungsbeamte hofften, die AfrikanerInnen mit dem Verlust ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit in die Gefügigkeit zu zwingen. Beginn der sozialen Differenzierung zwischen armen und wohlhabenden afrikanischen Bauern.

 

1899-1902 Krieg zwischen Großbritannien und den unabhängigen Burenrepubliken über Kontrolle und Ausbeutung der reichen Gold- und Mineralienlager. Die Briten siegten dank ihrer Strategie der "verbrannten Erde" und der Konzentrationslager, in denen 26 000 Frauen und Kinder an Seuchen starben. Auch 14 000 AfrikanerInnen starben in den Lagern. Genau wie die Xhosa kapitulierten die Buren Ende Mai 1902, weil sie verhungert wären, hätten sie weitergekämpft.

 

1910 Zusammenschluss der vier britischen Kolonien zur Union von Südafrika. Die Verfassung verweigerte der unterworfenen afrikanischen Bevölkerung alle sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bürgerrechte.

 

1912 Die Erben der entmachteten afrikanischen Chiefs und die neue Bildungselite gründeten zur Verteidigung afrikanischer Rechtsansprüche den SANNC (später Afrikanischer National Kongress, ANC). Die ersten Kampagnen des ANC richteten sich gegen die Landgesetze von 1913.

 

1913 Der Native Land Act begrenzte 70 % der schwarzen Bevölkerung auf nur 7 % des Landes. Bergwerke und weiße Farmer benötigten dringend billige Arbeitskräfte, keine unabhängige, moderne, für den Markt produzierende afrikanische Bauernschicht. So verbot das Gesetz den Verkauf von Land an Schwarze. Es beschränkte die Zahl der Arbeitspächter, die weiße Farmen bewirtschafteten und dafür die Hälfte ihrer Ernte und ihrer Zeit an den weißen Besitzer abzugeben hatten.

Die Reservate waren bald überbevölkert und boten keine Grundlage für eine autonome Entwicklung. Die Männer waren genötigt, um Arbeit auf den Farmen und in den Bergwerken nachzusuchen. Anstatt wie früher nur einmal in der Jugend fern der Heimat zu arbeiten, um das Geld für eine Familiengründung zu erwerben, mussten nun die Männer ihr ganzes Leben lang zwischen Reservat und Arbeitsplatz pendeln. Das Überleben verarmter Familien in Reservaten hing nun größtenteils von Geldüberweisungen der Bergarbeiter ab. Wanderarbeit wurde zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die Familien mussten ohne Vater auskommen, bis dieser oft bis kurz vor dem Tod mit Tuberkulose oder Staublunge aus den Bergbau-Gebieten zurückkehrte. So war zum Beispiel 1930 die Mehrheit der Erwachsenen in der Transkei an Tuberkulose erkrankt.

Die Reservate und die Wanderarbeit wurden zusammen mit einer lückenlosen Kontrolle über die Arbeitskräfte (Passgesetze) zu den tragenden Säulen des von Weißen beherrschten Staates.

 

1936 Native Trust and Land Act. Die Reservate für Afrikaner wurden auf 13,8 % der Landfläche erweitert. Weiße Siedler verlangten die Beseitigung der etwa eine Million afrikanischer Pächter und ihrer Familienmitglieder. Zwischen 1936 und 1951 – der Zeit der schnellsten Urbanisierung in Südafrika – wechselten viele afrikanische Pächter endgültig aus der "weißen" Landwirtschaft in die Industrie über. Farmer bezahlten den Gefängnissen in den 30er Jahren der Weltwirtschaftskrise einige Cents pro Tag und Arbeitskraft für die Zwangsarbeit von Gefangenen auf ihren Farmen. 1957/8 gab es bis zu 200 000 schwarze Gefangene als Zwangsarbeiter auf weißen Farmen. Zusätzlich wurden staatliche Vermarktungsmonopole für Cash Crops (Anbauprodukte für den Export) eingerichtet, die den Siedlerfarmen einen festen Grundpreis für ihre Produkte garantierten.

 

1950-1960 Das Landgesetz von 1936 hatte die Aufteilung der Reservate in Äcker, Bauland und Weideland zur Folge. Bodenerosion, Überweidung und Abholzung in den Reservaten sah man nicht als Resultate von Steuerdruck, Landenteignungen und Ausbeutung, sondern als Indiz der kulturellen Rückständigkeit der AfrikanerInnen. Staatliche Reformen beschränkten die Zahl des Viehs der Familien in den Reservaten und teilten nur den reichen Bauern Ackerland zu. Familien ohne Land fristeten ihr Dasein unterernährt in städtischen Siedlungen.

Keine andere Maßnahme hat die afrikanische Landbevölkerung so empört wie diese staatliche Intervention, welche die ärmeren Familien nun auch in den Reservaten nochmals enteignete und zu Landlosen machte. Gegen die Zwangsschlachtung von Vieh, gegen Umsiedlung in Städte sowie gegen die Chiefs, die sich darauf einließen, erhob sich ländlicher Widerstand. 1950 war das so in Witzieshoek im Freistaat; 1957 gab es den Aufstand der Bafurutse im Marico Distrikt im Transvaal, als die Passgesetze auf Frauen ausgeweitet werden sollten; 1958 war das Sekhukuneland im Nordtransvaal in Aufruhr; 1959 gab es Revolten im Zululand und in Natal sowie 1960 im Pondoland (Transkei).

 

1946-1974 Die Armut in den Reservaten zwang verhältnismäßig mehr Männer als Pendler in die Lohnarbeit im "weißen" Südafrika. So sank die Zahl der Männer auf 100 Frauen in der Transkei für die Altersgruppe der 25-29jährigen von 36 (1946) auf 29 (1974).

 

1948 Die 1948 an die Macht gekommene Nationale Partei setzte auf eine Politik der rigiden Rassendiskriminierung, der absoluten Kontrolle über schwarze Arbeitskräfte sowie die gewaltsame Unterdrückung politischen Widerstands. Der Apartheidstaat setzte 1950 mit Hilfe des Group Areas Act eine Maschinerie der zwangsweisen Rassentrennung und Zwangsumsiedlung in Gang. Bis Mitte der 1970er Jahre wurden etwa 3,5 Millionen Schwarze, 305.739 "Mischlinge" (Coloureds) und 153.230 Asiaten zwangsumgesiedelt.

 

1974-1994 Systemkrise, diese gipfelte in der Finanzkrise vom September 1985, der Gründung des unabhängigen Gewerkschaftsbundes COSATU im November 1985 und schließlich in der Ausrufung des nationalen Notstandes von Juni 1986 bis Juni 1990.

 

1984-1993 Eine vom Parlament in Auftrag gegebene Studie schätzte, dass in dieser Zeit mehr als 737.000 FarmarbeiterInnen und ihre Angehörigen aus wirtschaftlichen Gründen (z.B. Dürren 1982-84 und 1991/92) von Farmen vertrieben wurden.

 

1994 Erste demokratische Wahlen. Das Ende der institutionalisierten Apartheid als Resultat verstärkten inländischen Widerstands und zunehmender weltweiter Wirtschaftssanktionen.

 

1993/1994 Das Wahlmanifest "Wiederaufbau und Entwicklung" der Allianz aus ANC, COSATU und kommunistischer Partei hatte zum Ziel, in fünf Jahren 30 % der kommerziell nutzbaren Landwirtschaftsfläche zu Gunsten der schwarzen Mehrheit umzuverteilen.

 

1996 Die neue demokratische Verfassung Südafrikas schützt nach Abschnitt 25 das Recht auf Privatbesitz. Die Klausel verbietet willkürliche Verletzungen dieses Rechts, erlaubt aber Enteignungen im Interesse von Landreformen. Laut Verfassung liegt Landreform im öffentlichen Interesse.

Das dreiteilige marktorientierte Landreform-Programm der Regierung umfasst Landrückgabe (restitution), Umverteilung (redistribution) sowie die Landpachtreform (tenure reform). Die Regierung erwirbt zu diesen Zwecken freiwillig zum Verkauf angebotenes Land zu Marktpreisen. Dem zuständigen Ministerium wird für diese Ausgaben 1 % des jährlichen Haushaltsbudgets zugeteilt. In diesem verfassungsrechtlichen Rahmen siedeln sich folgende Gesetze zur Landreform an:

 

1. Der Provision of Land and Assistance Act 126, 1993 ermächtigt den Minister, Schenkungen für Landkauf zu gewähren

2. Der Restitution of Land Rights Act 22, 1994 stellt das Recht der nach 1913 Enteigneten bzw. Vertriebenen auf Landrückgabe oder eine finanzielle Entschädigung fest. Bis August 2004 erhielten 90.282 Haushalte ihr Land (810 282 ha) durch Restitution zurück. 64.000 Haushalte erhielten eine Entschädigung.

3. Der Land Reform (Labour Tenants) Act 3, 1996 sowie der Extension of Security of Tenure Act 62,1997 bilden die Eckpfeiler einer Landpachtreform. Sie regeln das Recht von Arbeitspächtern auf privaten Farmen, den Erwerb des Landes zu beantragen, das sie jetzt kultivieren und auf dem sie wohnen. Bis Juli 2005 konnten 7.543 Haushalte von Arbeitspächtern dadurch Land erhalten. Andererseits wurden 199.611 Haushalte von Farmarbeiterfamilien zwischen 1994 und 2004 von privaten Farmen vertrieben. Das Gesetz von 1997 will zwar vor willkürlicher Vertreibung von privaten Farmen schützen, ist aber nur für einen begrenzten Personenkreis anwendbar.

4. Der Communal Property Association Act 28, 1996 erlaubt Gruppen von Familien und Kooperativen, ihren Landbesitz zu registrieren und gemeinsam dieses Land zu kultivieren und zu verwalten.

5. Der Interim Protection of Informal Land Rights Act 31, 1996 ist ein Interimsschutz für Familien, die in den früheren Reservaten Landnutzungsrechte in kommunalem Besitz ohne formelle Eigentumsrechte erhielten.

6. Der Transformation of Certain Rural Areas Act 94, 1998 bezieht sich auf Landnutzungsrechte für Bauern/Bewohner in 23 ehemaligen Reservaten für so genannte Farbige.

7. Der Restitution of Land Rights Amendment Act 48, 2003 bevollmächtigt den Minister, auch ohne gerichtliche Anordnung privates Land zu enteignen.

8. Der Communal Land Rights Act 11, 2004 regelt die Inbesitznahme von Land in früheren Reservaten durch Gemeinden und die Rolle der traditionellen Autoritäten bei der Verteilung von Nutzungsrechten.

 

Sep. 2002 Demonstration von 20.000 Menschen auf dem UN-Umweltgipfel in Johannesburg vom Alexandra Township nach Sandton, bei der die Forderungen nach einer neuen Landpolitik durch das "Landless Peoples Movement" öffentlich erhoben werden.

 

Dez. 2003 - März 2004 Anhörungen zu Landlosigkeit. Das von TCOE und verbündeten ländlichen Organisationen im Dezember 2003 eröffnete "Tribunal on Landlessness", welches im März 2004 im Vorfeld der dritten demokratischen Wahlen und der Feierlichkeiten zu zehn Jahren Demokratie in Südafrika seine Ergebnisse vorstellte, war der Auftakt für eine breite Öffentlichkeitskampagne zur Landfrage in Südafrika.

 

Nov. 2004 - Sep. 2005 Die Wanderausstellung "Our Land, Our Life, Our Future" zieht durch 12 Städte in Südafrika und fördert den öffentlichen Dialog zu Fragen von ländlicher Armut und Landrechten in Südafrika.

 

27.-31. Juli 2005 Südafrikanischer Gipfel zur Landfrage. Dieser von der südafrikanischen Regierung einberufene "Land Summit" bringt ein erstes öffentliches Eingeständnis der Regierung des relativen Scheiterns der bisherigen Landpolitik und der Notwendigkeit, neue Wege zu gehen. Insgesamt erhielten seit 1994 nur 164 185 Haushalte im Zuge der neuen Landgesetze Land zugeteilt. Gleichzeitig wurden 199 611 Haushalte von privaten Farmen vertrieben. Die Fläche des bisher zurückerstatteten oder umverteilten Landes beträgt damit nach Regierungsangaben nur knapp 3 % des kommerziell nutzbaren landwirtschaftlichen Gebiets. Damit bleibt die Regierung hinter ihren eigenen Vorgaben weit zurück. Im Vorfeld des Gipfels erarbeiten TCOE und verbündete Organisationen ein Memorandum, das u.a. folgende Forderungen enthält, welche auch durch die mit der Wanderausstellung verbundene Unterschriftenaktion unterstützt werden:

 

1. Abkehr von einer rein marktorientierten Landumverteilungspolitik

2. Durchsetzung einer Obergrenze für Landbesitz

3. Moratorium für Landkauf durch nicht-südafrikanische BürgerInnen

4. Gründliche Überarbeitung der Landpolitik, um die nachhaltige Nutzung von Land zur Ernährungssicherung voranzubringen

5. Sofortige Einstellung der Vertreibungen von FarmarbeiterInnen und ihrer Familien sowie eine gründliche Überarbeitung der Gesetzgebung zu ihrem Schutz

 

25. Okt. 2005 Eröffnung der Deutschlandtour der Wanderausstellung "Our Land, Our Life, Our Future" in der Katharinenkirche in Frankfurt.

 

Die Chronologie wurde im Auftrag von TCOE erstellt von Gottfried Wellmer und redaktionell überarbeitet und herausgegeben von KASA; Heidelberg.

 

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Letzte Änderung: 31. Dezember 2005